Die angehenden Tischler Illya Lehnert, Dustin Pätsch und Friedemann Heske (v.l.) programmieren eine CNC-MAschine. KLAUS AMBERGER

Waren. Nichts deutet an diesem Vormittag darauf hin, was mit dieser Schule vor ein paar Tagen geschehen ist: Es ist ruhig auf den Fluren, durch einige Türen sind Stimmen zu hören, Sonne scheint durch die Fenster im Foyer, hin und wieder geht ein junger Mensch durchs Bild. Alltag in der besten Schule Deutschlands.
Das Regionale Berufliche Bildungszentrum Müritz (Rbb Müritz) in Waren erhielt vor wenigen Tagen den Hauptpreis des Deutschen Schulpreises. Der wird seit 2006 verliehen - erst zum zweiten Mal gewann eine Berufsschule die Trophäe. Überreicht wurde der Preis, der mit 100000 Euro dotiert ist, in Berlin von der Bundesbildungsministerin Bettina Stark-Watzinger (FDP) in Vertretung für Bundeskanzler Olaf Scholz Die beste Schule Deutschlands. Auf einem Schild steht „Fab Lab" und Kompetenzzentrum Holztechnik. Udo Sievert öffnet die Tür des Raums 020 und erklärt: .,Fab Lab' steht für Fabrication Laboratory." Der Tischlermeister und Berufsschullehrer für angehende Tischler und Holzmechaniker steht vor einer mächtigen CNC-Maschine, die computergesteuert mit hoher Präzision Werkstücke produzieren kann. „In Tischlereien, die über solche Maschinen verfügen, lässt man nur erfahrene Mitarbeiter an diese Technik, weil sie so wertvoll ist", erzählt der 43-Jährige. Hier im Lab verfügt die Schule über einen geschützten Raum, in dem die Azubis auch Fehler machen dürften. „Wir pflegen eine Fehlerkultur, damit die Azubis gleich einen hohen Praxisbezug haben und Berührungsängste abbauen", ergänzt sein Kollege Thomas Lehmann (50).
„So lernen zu können, ist wichtig", bestätigt Friedemann Heske (32) aus dem zweiten Lehrjahr: „Ich komme hier super voran und kann mich weiterentwickeln." Was er hier mitnehme, könne er sofort in seinem Ausbildungsbetrieb anwenden. Nun steht er gerade mit Dustin Pätsch (20) und Illya Lehnert (24) an der CNC-Maschine. Die Männer müssen sie programmieren, damit ein Bauteil millimetergenau gefräst werden kann. Zuvor haben sie bereits am Computer eine technische Zeichnung nach einem vorgegebenen Arbeitsauftrag angefertigt. „Es macht viel mehr Spaß, wenn man weiß, wofür wir hier etwas produzieren", sagt Illya Lehnert. Und Dustin Pätsch meint: „Es ist cool, dass wir hier Sachen mit modernster Technik machen dürfen."
Beinahe 1500 Berufsschüler werden am RBB Müritz (in Waren und in der Außenstelle Malchin) betreut.
„Bereits die Nominierung des RBB Müritz war ein großer Erfolg. Der erste Platz ist nun der Ritterschlag und die Anerkennung für eine jahrelange erfolgreiche Arbeit", sagt Simone Oldenburg (Linke), Bildungsministerin von MV. 26 Berufe können hier erlernt werden, zum Beispiel Mediengestalter, Fleischer, Kaufleute für Büromanagement oder Fachkräfte fürs Gastgewerbe. Es gibt ein Fachgymnasium und im Laufe eines Vorbereitungsjahres ist es möglich, den Hauptschulabschluss zu bekommen. „Diese Breite zeigt die enorme Komplexität unserer Ausbildung" sagt Schulleiterin Birgit Köpnick (59).
Diese Vielfalt an Berufsschulen wird oft nicht wahrgenommen. Das Anforderungsniveau an die Lehrkräfte sei hoch. Diese Auszeichnung ist eine Wertschätzung für ihre Arbeit." Mehr als 70 Lehrkräfte sind am RBB beschäftigt. Doch was macht dieses Haus anders als andere Einrichtungen ihrer Art?
Das Besondere an der Schule sei die „didaktische Jahresplanung", erläutert Diplom-Ökonom-Pädagogin Köpnick, die seit 1987 als Berufsschullehrerin arbeitet. "Das bedeutet, dass wir uns regelmäßig zusammensetzen, um zu prüfen, ob wir unseren Schülern und Schülerinnen das beibringen, was wir ihnen vermitteln wollen. " Dabei wird überlegt, wie Lerninhalte besser, praxisnäher, nachhaltiger gestaltet werden könnten. Dazu gehört beispielsweise auch die Anschaffung von VR-Brillen, mit deren Hilfe Schüler etwa Druckmaschinen virtuell auseinanderbauen können. „Die Entscheidung, was am besten für unsere Schüler ist, liegt in den Abteilungen, nicht nur bei mir" skizziert sie das Gestaltungsprinzip. Der Eindruck der Jury des Deutschen Schulpreises von diesem Vorgehen ist eindeutig: „Die Schule bereitet ihre Schüler konsequent auf den Arbeitsmarkt der Zukunft vor. Dies gelingt ihr mit ihrer beeindruckenden didaktischen Jahresplanung und fachpraktischem Unterricht, der für berufsbildende Schulen in Mecklenburg-Vorpommern laut Lehrplan nicht verpflichtend ist". Und weiter: Man hat das Gefühl, an einer Universität zu sein und nicht an einer Schule."
Praxisnah und wirkungsvoll soll auch die Ausbildung von Pflegefachfrauen und -männern sein. Jasmin Rosenberger (23) und Nicole Heidbrink (42) aus dem zweiten Lehriahr stehen bei ihrem Patienten Erich Me-leis am Krankenbett. Herr Meleis ist eine lebensgroße Pflegepuppe. Hier im "Sim Lab" (Simulationslabor) kann an mehreren Puppen die gesamte Pflege für verschieden erkrankte Patienten trainiert werden. Vom vier Wochen alten Säugling August bis zur über 80 Jahre alten an Demenz erkrankten Hildegard.
„Es ist toll, dass alle Lehrer für uns da sind und dass es so viel Praxis gibt", sagt Nicole Heidbrink, die früher als Verkäuferin arbeitete und Mutter von drei Kindern ist. Jasmin Rosenberger weiß es zu schätzen, dass ihre Lehrer mit Erfahrungen aus dem echten Arbeitsleben an die Schule kommen: etwa die Medizinerin Dr. Stefanie Kirchner (41) oder Andreas Laars (35), der jahrelang Schichten auf Krankenstationen schob.
Apropos echtes Arbeitsleben: Wie ist es um die Leistungsorientierung der Schule bestellt? Jasmin Rosenberger sagt: „Hier fällt einem nichts in den Schoß, man muss schon viel lernen wollen." Es gehe um viel Verantwortung im Job. Das hört sich im „Fab Lab" ähnlich an. „Wir müssen immer öfter selbst aktiv Probleme lösen - dabei wird auf Teamarbeit ge-achtet", berichtet Tischler-Azubi Friedemann Heske. Es gebe regelmäßig Momente, in den Leistung geliefert werden müsse.
Heskes Ausbildungsbetrieb ist die Tischlerei Timm GmbH in Kröpelin (Landkreis Rostock). „Wir bilden seit 1999 aus", sagt Geschäftsführer und Tischlermeister Ulrich Timm (61). Im Schnitt hat er stets sieben Lehrlinge in der Firma. „Die Schule in Waren wird immer besser", lobt der Fachmann. Das betreffe sowohl die Vermittlung von Wissen als auch die Ausstattung. Zwar sei der Anfahrtsweg für seine Azubislang. Trotzdem bin ich froh, dass meine Leute in Waren zur Berufsschule gehen und dort ausgebildet werden."
Doch was passiert jetzt mit dem Preisgeld? Damit finanzieren wir Projekte an der Schule, die bislang noch nicht möglich waren", sagt Schulleiterin Birgit Köpnick. Aber darüber wird erst noch beraten werden -gemeinsam, im Team

Quelle: Artikel – Die beste Schule Deutschlands (12. Oktober 2022, Ostsee Zeitung)

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